Wie ist die AfD groß geworden?
Ein Blick auf die Wählerströme!
Die AfD wird in der öffentlichen Debatte häufig auf ein einziges Etikett reduziert. Viele sprechen über die Partei, aber viel zu wenig über die Frage, warum Millionen Menschen überhaupt begonnen haben, AfD zu wählen.
Wer verstehen will, wie die AfD groß geworden ist, muss sich die Wählerströme anschauen. Denn diese zeigen: Die AfD ist nicht nur aus einem einzigen politischen Lager gewachsen. Ihre Wähler kamen und kommen aus ganz unterschiedlichen Richtungen: von CDU und CSU, von der SPD, von der FDP, von den Linken, teilweise auch von den Grünen – und besonders stark aus dem Lager der früheren Nichtwähler.
Dabei muss man zwei Dinge sauber trennen: die Partei AfD und ihre Wähler. Über die Partei selbst gibt es eine berechtigte politische Debatte, auch über Radikalisierung, Sprache, einzelne Funktionäre und den Umgang des Verfassungsschutzes mit Teilen der Partei. Aber daraus folgt nicht automatisch, dass Millionen Wähler pauschal als rechtsradikal abgestempelt werden dürfen.
Viele Menschen wählen AfD nicht, weil sie extremistisch sind, sondern weil sie sich von den etablierten Parteien nicht mehr vertreten fühlen.
Die AfD als Protest gegen eine Politik der Alternativlosigkeit
Die AfD entstand 2013 zunächst als Protestpartei gegen die Eurorettungspolitik. Damals hatten viele Bürger den Eindruck, dass wichtige Entscheidungen über Euro, Rettungsschirme, Haftung und nationale Verantwortung nicht mehr offen diskutiert wurden. Vieles wurde politisch als „alternativlos“ dargestellt.
Schon der Name „Alternative für Deutschland“ war deshalb eine direkte Antwort auf dieses Gefühl.
Der große politische Durchbruch kam aber später. Ab 2015 rückten andere Themen in den Vordergrund: Migration, Grenzöffnung, innere Sicherheit, Kontrollverlust und die Frage, ob der Staat noch in der Lage ist, seine eigenen Regeln durchzusetzen.
Viele Bürger hatten den Eindruck, dass ihre Sorgen nicht ernst genommen wurden. Wer Fragen stellte, wurde schnell moralisch eingeordnet. Wer Kritik äußerte, fühlte sich häufig nicht angehört, sondern belehrt.
Genau daraus entstand ein politischer Raum, in den die AfD hineinstieß.
Wählerwanderung zur AfD bei Bundestagswahlen
Die folgende Übersicht zeigt, aus welchen politischen Lagern die AfD bei Bundestagswahlen netto Stimmen gewonnen oder verloren hat.
Wichtig: Das sind keine amtlichen Einzelzählungen. Amtlich festgestellt wird nur das Wahlergebnis. Die Wählerwanderungen beruhen auf Schätzmodellen von Wahlforschungsinstituten, insbesondere Infratest dimap. Sie zeigen also keine exakte Personenliste, sondern eine politisch aussagekräftige Näherung.
| Herkunft der Wähler / Saldo zur AfD | 2017 gegenüber 2013 | 2021 gegenüber 2017 | 2025 gegenüber 2021 |
|---|---|---|---|
| CDU/CSU / Union | +980.000 | –80.000 | +1.010.000 |
| SPD | +470.000 | –260.000 | +720.000 |
| FDP | +40.000 | –210.000 | +890.000 |
| Grüne | +40.000 | –60.000 | +100.000 |
| Linke | +400.000 | +90.000 | +110.000 |
| Nichtwähler | +1.200.000 | –180.000 | +1.810.000 |
| Andere Parteien | +690.000 | –180.000 | nicht separat ausgewiesen |
| BSW | gab es noch nicht | gab es noch nicht | –60.000 |
| Summe der sichtbaren Salden | +3.820.000 | –880.000 | +4.580.000 |
Hinweis: Die Summe ist keine amtliche Gesamtzahl, sondern die Addition der in dieser Tabelle sichtbaren Salden. Durch Rundungen und nicht separat ausgewiesene Gruppen kann es Abweichungen geben.
Was diese Zahlen wirklich zeigen
Die Tabelle macht deutlich: Die AfD ist nicht aus einem einzigen politischen Lager gewachsen. Besonders 2017 und 2025 kamen erhebliche Wählerströme aus mehreren Richtungen.
2017 gewann die AfD besonders viele Stimmen aus dem Lager der Nichtwähler. Dazu kamen starke Zugewinne von der Union, von kleineren Parteien, von der SPD und von der Linken.
2021 verlor die AfD wieder Wähler. Auch das gehört zur Wahrheit. Es zeigt, dass ihr Aufstieg nicht automatisch war. Politische Stimmungen können sich verändern, und auch die AfD kann verlieren, wenn andere Themen dominieren oder sie selbst nicht überzeugt.
2025 kam dann der bisher stärkste Sprung. Besonders auffällig ist, dass die AfD erneut sehr viele frühere Nichtwähler mobilisierte. Hinzu kamen starke Wanderungsgewinne von der Union, von der FDP und von der SPD. Auch von Linken und Grünen gab es kleinere Netto-Zuwächse.
Der entscheidende Punkt: Die Wählerwanderungen zeigen, dass die AfD nicht nur durch klassische rechte Stammwähler groß geworden ist. Sie gewann in entscheidenden Wahljahren Stimmen aus nahezu allen politischen Lagern: von Union, SPD, FDP, Linken, Grünen, kleineren Parteien und vor allem aus dem Lager früherer Nichtwähler.
Warum Menschen zur AfD gewechselt sind
Die Gründe sind nicht bei allen Wählern gleich. Aber es gibt erkennbare Muster. Viele Bürger haben das Gefühl, dass die Politik nicht mehr ihre Lebenswirklichkeit abbildet.
Es geht um steigende Preise, hohe Energiekosten, Migration, innere Sicherheit, Bürokratie, wirtschaftlichen Druck, Wohnungsprobleme, Renten, Zukunftsangst und die Frage, ob politische Entscheidungen noch im Interesse der eigenen Bevölkerung getroffen werden.
Viele Menschen erleben Politik nicht mehr als Lösung ihrer Probleme, sondern als Ursache neuer Probleme.
Die Brandmauer und ihre Wirkung
Heute sprechen die etablierten Parteien häufig von der sogenannten Brandmauer. Gemeint ist damit die politische Abgrenzung gegenüber der AfD.
Aus Sicht der etablierten Parteien soll diese Brandmauer verhindern, dass eine Partei politischen Einfluss bekommt, die sie als gefährlich oder nicht regierungsfähig ansehen.
Aus Sicht vieler AfD-Wähler wirkt diese Brandmauer jedoch anders. Sie empfinden sie nicht als Schutz der Demokratie, sondern als Schutzwall der etablierten Parteien gegen eine wachsende Wählerbewegung.
Genau darin liegt das politische Dilemma. Je stärker die AfD wird, desto lauter wird die Brandmauer beschworen. Und je lauter die Brandmauer beschworen wird, desto mehr fühlen sich manche AfD-Wähler in ihrer Protesthaltung bestätigt.
Die entscheidende Frage lautet nicht nur: Wie hält man die AfD von der Macht fern? Die entscheidende Frage lautet: Warum haben so viele Bürger überhaupt das Vertrauen in die etablierten Parteien verloren?
Die eigentliche Aufgabe der etablierten Parteien
Wenn CDU, CSU, SPD, Grüne, FDP und Linke die AfD wirklich schwächen wollen, reicht es nicht, AfD-Wähler zu beschimpfen oder moralisch abzuqualifizieren.
Sie müssten vielmehr beweisen, dass sie die Ursachen der Unzufriedenheit verstanden haben.
Dazu gehört, Probleme offen zu benennen. Dazu gehört, Migration, innere Sicherheit, Energiepreise, Wirtschaft, Bürokratie, Renten und Wohnungsnot nicht nur mit Schlagworten zu behandeln. Und dazu gehört auch, Bürger nicht als Störfaktor zu betrachten, wenn sie unbequeme Fragen stellen.
Die AfD ist groß geworden, weil viele Menschen sich nicht mehr vertreten fühlen. Sie ist groß geworden, weil Themen zu lange verdrängt wurden. Sie ist groß geworden, weil Kritik zu oft moralisch abgewehrt wurde, statt sie sachlich zu beantworten.
Und sie ist groß geworden, weil viele Bürger den Eindruck haben, dass sich die Politik mehr mit Machtfragen, Koalitionen und Abgrenzungsritualen beschäftigt als mit ihrem Alltag.
Fazit
Die Wählerwanderungen zeigen ein klares Bild: Die AfD ist nicht aus dem Nichts entstanden. Sie ist auch nicht allein durch ein festes rechtes Milieu stark geworden.
Sie wurde stark, weil Menschen aus vielen politischen Lagern abgewandert sind. Und sie wurde stark, weil Millionen frühere Nichtwähler wieder zur Wahl gegangen sind, um Protest auszudrücken.
Man kann die AfD kritisieren. Man kann ihre Positionen ablehnen. Man kann über ihre politische Entwicklung streiten.
Aber man sollte ihre Wähler nicht pauschal abwerten. Denn wer Wähler beschimpft, gewinnt sie nicht zurück.
Demokratie lebt nicht davon, unzufriedene Bürger auszugrenzen. Demokratie lebt davon, sie ernst zu nehmen.
Quellen
- Tagesschau / Infratest dimap: Wählerwanderung Bundestagswahl 2017: Analyse der Wählerwanderung 2017
- Tagesschau / Infratest dimap: Wählerwanderung Bundestagswahl 2021: Analyse der Wählerwanderung 2021
- Tagesschau / Infratest dimap: Wählerwanderung Bundestagswahl 2025: Analyse der Wählerwanderung 2025
- Bundeszentrale für politische Bildung: Etappen der Parteigeschichte der AfD